2016-08-29
Boston

Systematisch vertuscht

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Der amerikanische Film „Spotlight“ von 2015 beginnt mit einem Personalwechsel. Marty Baron ist neu in Boston und tritt seine neue Stelle als Chefredakteur bei der Boston Globe an. Die Mitarbeiter, darunter das Investigativteam namens ‚Spotlight‘ befürchtet personelle Kürzungen. Baron hat jedoch ganz anderes im Sinn. Er setzt das Team darauf an, Fälle des Kindesmissbrauchs in der Erzdiözese Boston aufzudecken.

Was die Journalisten durch intensive Recherchearbeit nach und nach aufdecken, versetzt den Zuschauer in eine Mischung aus höchster Anspannung, Entsetzen und Sprachlosigkeit, zumal die Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht. Es wird deutlich, dass es sich beim Kindesmissbrauch keineswegs um Einzelfälle, sondern um eine ganze Serie handelt. Die Zahl der verdächtigen Priester und der Opfer steigt stetig und der Gipfel ist, dass die Kirche davon wusste, die Verbrechen jedoch vertuschte. Die Reporter arbeiten akribisch Tag und Nacht, stoßen auf Schweigen und Widerstand, schaffen aber durch ihre Hartnäckigkeit Stück für Stück einen Durchbruch. Dabei stellt sich die Frage, wann der richtige Zeitpunkt ist, um mit den bisher ermittelten Fakten an die Öffentlichkeit zu gehen. Der Zeitdruck ist groß, da auch andere Medien eine Story wittern; andererseits will der Herausgeber nicht die Priester, sondern in erster Linie das System, das dahintersteckt, bloßlegen. Für ihre umfassende Berichterstattung von 2001 bis 2003 erhielten die Journalisten damals den Pulitzer Preis. 

Ich fand es bemerkenswert, wie sensibel und differenziert der Film mit dem Thema umgeht und von reiner Schwarz-Weiß-Malerei absieht. Nicht nur die Kirche trifft die Schuld – auch die Medien tragen ihre Verantwortung, da sie zwar hier und da von Einzelfällen berichteten, aber nicht gründlich genug recherchiert und die Zusammenhänge nicht erkannt hatten. Die Interviews mit Opfern und Selbsthilfegruppen zeigen, auf welch grausame Weise ein Leben für immer zerstört wird und welch zwielichtige Arbeit die Anwälte der Gegenseite verrichten – Vertreter des katholischen Establishments dagegen berufen sich auf ihren Glauben, dass die Menschen die Kirche bräuchten, weil sie auch Gutes und Wichtiges leiste. Der Film war für sechs Oscars nominiert und hat verdientermaßen den Preis für den „Besten Film“ und das „Beste Drehbuch“ eingeheimst.

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2016-08-27
München

Ein Leben in Bildern

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Habt Ihr Lust, in den Ferien einmal den künstlerischen Fotografen in Euch zu wecken? Elsie Larson und Emma Chapman geben in ihrem wundervollen Buch „A Beautiful Mess“ 236 Anregungen, wie kreativ man mit seiner Kamera oder seinem Smartphone werden kann.

Ihre Leidenschaft für die Fotografie haben die Schwestern und Bloggerinnen von ihrem Großvater geerbt, der eine umfangreiche Fotosammlung hinterließ. In ihrem Buch geht es nicht um technisches Know-How und sein Können zu perfektionieren – im Gegenteil, es ermutigt, neue Blickwinkel im Alltag zu finden und Ungewöhnliches auszuprobieren. 

Als ich das Buch vor zwei Jahren zum ersten Mal las, brachte es mich auf die Idee, während unseres Kretaurlaubs eine Fotosammlung von Texturen anzulegen, die ich für grafische Zwecke nutzen wollte. Ständig blieb ich stehen, um Steinmauern, Büsche oder Mosaikböden in verschiedensten Variationen zu fotografieren. 

Nun habe ich wieder einmal in dem schönen Bildband geschmökert und Ideen entdeckt, die ich in nächster Zeit ausprobieren möchte, zum Beispiel 

– Porträts von Freunden/Familie mit einem typischen Accessoire (Harry mit seinem Single Speed ist schon mal verewigt)
– Schattenporträts
– Lieblingstätigkeiten fotografieren
– Fortschritte eines kreativen Projekts festhalten
– Mit verschiedenen Hintergrundmaterialien wie Holz, Stoff oder Dekopapier experimentieren

Elsie und Emma geben auch Tipps, wie man originelle Requisiten herstellt und wie vielseitig man seine Fotos nutzen kann, zum Beispiel für individuelle Gruß- und Einladungskarten, mit Familienmotiven gefüllte Weihnachtskugeln, Pappfiguren auf Muffins, personalisierte Tafeln Schokolade oder Smartphonehüllen.

Dass man auch mit einem iPhone einzigartige Aufnahmen machen kann, zeigen die Gewinner der iPhone Photography Awards 2016, die zum ersten Mal in dieser Form stattfand. Also nichts wie los und KLICK!

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2016-08-24
Kapstadt

Last Minute Ideen für deine Reise

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Wo soll die Reise dieses Jahr hingehen? Unternimmt man einen Städtetrip nach Singapur, erkundet die isländische Natur oder geht auf eine Safari in Kenia? Wem die Ideen ausgegangen sind, findet im kostenlosen E-Book „Travel Resolutions – 52 New Ways to Experience Planet Earth“ interessante Anregungen: zum Beispiel Spanisch lernen in Patagonien, Bergsteigen im norwegischen Pulpit Rock, Tauchen in Belize, ein Yogakurs im indischen Rishikesh, tibetische Malerei studieren in Shangri-La oder Paragliding über Kapstadt. Die Kurzbeschreibungen werden ergänzt durch Fotos und Hinweise auf ausführliche Lonely Planet Reiseführer. Mich würde es auf jeden Fall noch einmal nach Kapstadt ziehen.

Manche freuen sich nach ihrem Urlaub auf ihr Zuhause. Andere könnten ewig weiter reisen – so wie das Paar Simon Fairbairn und Erin McNeaney aus England. 2008 verbrachten sie ein Jahr auf Reisen und waren unter anderem in Indien, Südostasien, Australien und Südpazifik unterwegs. Das gefiel ihnen so gut, dass sie zwei Jahre später beschlossen, eine „Never Ending Voyage“ zu starten. Sie verkauften ihr ganzes Hab und Gut und steuerten als erstes Rio an. Ihre weiteren Stationen kann man auf ihrer Website verfolgen. Dort berichten sie nicht nur von ihren Reiseerfahrungen, sondern bieten auch allerhand nützliche Tipps und Infos über die nötige Ausstattung oder wie sie ihre Weltreise finanzieren. Unterwegs haben sie diverse Reiseapps wie zum Beispiel Trail Wallet entwickelt, mit der man einen Überblick über seine Ausgaben behält.  

Auch im Reiseblog BRAVEBIRD gibt es einen interessanten Artikel zum Thema „Weltreise – Wie viel Geld brauche ich?“ Wer wissen möchte, wie man die Summe für eine Reise zusammenbekommt, wie man unterwegs Geld sparen und wo man günstig Urlaub machen kann, findet Tipps aus erster Hand sowie Literaturempfehlungen.

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2016-08-21
Saipan

Seinen Ozean finden

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Kein Ziel festlegen, kein Hotel reservieren, sondern einfach Richtung Meer fahren und bleiben, wo es einem gefällt. Kann es einen besseren Sommerurlaub geben? Für Hiromi Sakurai in der Serie „Beach Boys“ jedenfalls nicht. Der ehemalige Schwimmathlet, der kurz davor war, für Japan eine Medaille zu holen, musste wegen einer Verletzung seine Karriere hinschmeißen. Seitdem sandelt er vor sich hin, hat sich gerade von seiner Freundin getrennt und will einfach den bevorstehenden Sommer am Meer genießen. Unterwegs lernt er Kaito kennen, einen zurückhaltenden ernsten Geschäftsmann aus Tokio, der ihm bei einer Autopanne hilft.

Zusammen landen sie in der Pension Diamond Head direkt am Meer. Hiromi ist sofort begeistert und nimmt einen Aushilfsjob an, während Kaito dem redseligen und nervigen Kerl möglichst aus dem Weg geht und seine Ruhe haben will. Trotz oder gerade wegen ihres gegensätzlichen Charakters freunden sie sich an und werden während der Sommerferien zum festen Inventar der Pension – zur großen Freude von Makoto, der 17-jährigen Schülerin und Enkelin des Besitzers Masaru. Sie freut sich über die Gesellschaft der zwei gut gelaunten, attraktiven Jungs und tauft  sie „Beach Boys“. Die sympathischen Darsteller Yutaka Takenouchi und Takashi Sorimachi schafften mit der Serie ihren großen Durchbruch und zählen seitdem zu den beliebtesten Schauspielern Japans. 

Auf den ersten Blick ist es eine in 12 Episoden erzählte Feel-Good-Serie und eine Hommage an den Sommer, das Meer und das Urlaubsfeeling. Gedreht wurde an den schönen Stränden von Saipan. Die Geschichte handelt aber auch von Lebensträumen und Sehnsüchten, die tiefer gehen. Was passiert, wenn für Hiromi die Ferien, für Kaito die Auszeit vorbei ist? Sich einfach dort niederzulassen und ein Happy End zu erwarten, wäre zu einfach, zumal der Schein oft trügt. So sitzt der Schock tief, als die Jungs erfahren, dass sich der Ex-Surfer Masaru mit der Pension keineswegs einen Traum erfüllt hat, sondern durch äußere Umstände gezwungen war, dort zu bleiben und hängengeblieben ist. 

Genügt das einfache Leben, um glücklich zu sein oder macht man sich nur etwas vor und wird zu bequem, um anspruchsvollere Ziele anzusteuern? Viele Dialoge stimmen einen nachdenklich, zum Beispiel Masarus Botschaft, dass der Ort sein Revier, „sein Ozean“, sei, und die Beach Boys weiterziehen und ihren eigenen Ozean finden müssen. 

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2016-08-18
Bernried

Back to the roots

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Passend zu dem Buch, das ich gerade über das Künstlerpaar Franz und Maria Marc und ihrer Begegnung mit den BRÜCKE-Künstlern gelesen habe, nutzte ich die Gelegenheit, eine aktuelle Ausstellung im Buchheim Museum zu besuchen. Sie zeigt unter dem Titel „Brücke und die Lebensreform“, welchen Einfluss die Lebensreformbewegung im 19. Jahrhundert auf die BRÜCKE-Künstler Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein und Otto Mueller hatte. 

Die Lebensreform war eine Reaktion auf die verschlechterten Lebensbedingungen durch zunehmende Industrialisierung und rapide Verstädterung. Immer stärker verbreitete sich die Auffassung, dass die beengten Wohnverhältnisse, die unwürdigen Arbeitsbedingungen, die einseitige Ernährung und die Luftverschmutzung den Menschen krank mache. Eine Rückkehr zu einfachen und naturnahen Lebensweisen sei notwendig, so die Vertreter der neuen Bewegung. Was sie darunter verstanden, wird in dieser Ausstellung deutlich. Die Brücke-Künstler zeigen die Menschen in der Natur beim Tanzen, Turnen und Sonnenbaden und den einfachen Lebensstil der Bauern und Fischer. Die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft, die Hinwendung zu vegetarischer Ernährung, Naturheilkunde und östlichen Weisheiten nahm schon damals ihren Anfang. 

Das Interesse der Brücke-Künstler galt besonders dem bewegten Körper, der in verschiedensten Variationen beim Gesellschaftstanz, Kunsttanz, bei der Gymnastik oder Akrobatik dargestellt wird. Interessant ist auch, wie sie ihre Ateliers mit selbstgebauten Möbeln, Decken, Gebrauchsgegenständen sowie Gemälden und Skulpturen durchgestalteten und in ein Gesamtkunstwerk verwandelten. Dort wurde nicht nur gearbeitet, sondern auch mit Freunden diskutiert, gefeiert und getanzt. Ich hätte mir noch etwas mehr von den farbintensiven expressionistischen Gemälden wie dem „Totentanz“ oder „Harem“ von Ernst Ludwig Kirchner gewünscht. Trotzdem fand ich die Sonderschau, die noch bis zum 9. Oktober läuft, sehenswert, da sie zeigt, wie eine gesellschaftliche Strömung, die heute mehr denn je den Zeitgeist widerspiegelt, von den Expressionisten interpretiert und künstlerisch umgesetzt wurde. 

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2016-08-15
Sindelsdorf

Memoiren einer Künstlerfrau

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Was für einen Schatz Maria Marc uns mit ihren Memoiren hinterlassen hat und wie gut es Brigitte Roßbeck gelungen ist, sie in eine Lesefassung zu bringen! Die persönlichen Aufzeichnungen waren gar nicht zur Veröffentlichung gedacht, doch glücklicherweise sind sie zum 100. Todestag ihres Mannes Franz Marc unter dem Titel '"Das Herz droht mir manchmal zu zerspringen" – Mein Leben mit Franz Marc' erschienen und geben sehr persönliche Einblicke in das Lebens des Künstlerpaars. 

Zunächst erzählt Maria Marc von der Zeit in Berlin, wo sie in bürgerlichen Verhältnissen aufwächst. Obwohl ihr künstlerisches Talent von den Eltern gefördert wird, kann sie es nicht richtig ausleben und geht nach München. Sie glaubt, im Schwabinger Künstlerviertel das passende Umfeld für ihre schöpferische Entfaltung gefunden zu haben, auch wenn sie sich anfangs schwertut und sich unter den Künstlerfamilien nirgends zugehörig fühlt. Erst durch die Begegnung mit Franz Marc erkennt sie ihre wahre Lebensaufgabe. 

Mich hat erstaunt, wie gut Maria Marc ihren künftigen Ehemann von Anfang an einschätzen kann und sein wahres Wesen erkennt. Sie weißt sofort, dass er dazu berufen ist, große Kunst zu schaffen, nichts halbherzig tut und unterstützt ihn dabei, sich vom Schmerz durch unglückliche Liebesbeziehungen und Melancholie zu befreien. 

Genossen habe ich vor allem die Passagen, in denen Maria Marc die unbeschwerten Stunden in Ried bei Kochel und in Sindelsdorf mit großem Enthusiasmus beschreibt. Man kann sich sehr gut ausmalen, wie Franz Marc sich von der hügeligen Landschaft und den weidenden Kühen und Pferden zu seinen Bildern inspirieren lässt. Er fühlt sich eins mit der Natur, befasst sich eingehend mit der Anatomie der Tiere und mit der Zeit wird das Pferd zum Hauptthema seiner Arbeit. Maria wächst unterdessen in die Rolle der Gefährtin hinein, spornte ihn an und freut sich über seine Schaffenskraft.

Zu einem späteren Zeitpunkt hat mich die Erzählerin erneut mit ihrer Begeisterung angesteckt. Grund dafür ist die langersehnte Begegnung mit gleichgesinnten Künstlern wie August Macke und Kandinsky. Endlich wird die eigene künstlerische Sprache Franz Marcs bestätigt und gewürdigt. Es sind jedoch nicht nur die großen Momente, die zum großen Lesevergnügen beitragen – auch die eingestreuten kleinen Anekdoten und Erinnerungen, zum Beispiel daran, wie Helmut Macke in ihrem Haus rheinische Reibekuchen zubereitete und die Küche fast in Brand setzte, berühren. Der Titel „Das Herz droht mir manchmal zu zerspringen“ beschreibt sehr treffend, welchen starken Emotionen sie im Laufe des gemeinsamen Lebens ausgesetzt war und wie ehrlich sie diese preisgibt.

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2016-08-13
Irschenberg

Schlemmen an der A8

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Wer auf der A8 Richtung Süden unterwegs ist, sollte in Irschenberg unbedingt eine kleine Rast einlegen. Direkt an der Autobahnausfahrt befindet sich die Kaffeerösterei Dinzler, eine Mischung aus Café, Restaurant, Bar und Kaffee-Erlebniswelt, die sich über zwei Stockwerke erstreckt. Ich hatte schon von vielen gehört, dass man dort hervorragend Kaffee trinken und frühstücken kann. Also beschlossen wir, unseren Jahrestag dort zu feiern – mit der passenden Platte „Zeit zu Zweit“. Es war die ideale Wahl, um viele verschiedene Köstlichkeiten auszuprobieren. Von der herzhaften Platte mit Lachs, Rührei, Radieschen-, Avocado-, Thunfisch-, Hummusaufstrich, Käse und Schinken arbeiteten wir uns vor zum süßen Gang mit frischen Früchten, Petits Fours und Espressotörtchen. Mein Kaffee aus Kenia wurde frisch am Tisch gebrüht. Eine weitere Essensaufnahme war an dem Tag nicht mehr nötig - oder sollte ich besser sagen, nicht mehr möglich… Gut gesättigt machten wir noch einen Rundgang durch die Kaffeerösterei und nahmen uns im Shop Gebäck, Tee und eine äthiopische Kaffeesorte mit, die ich gleich probieren werde. Führungen, Konzerte und Baristakurse werden dort ebenfalls geboten. Wer es etwas gemütlicher mag, kann in Rosenheim auch in einer kleineren Filiale, der Kunstmühle, einkehren. Fehlt nur noch ein Ableger in München!

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2016-08-10
La Roche

Die Poesie des Schweigens

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Schon so mancher Schriftsteller hat sich auf Spurensuche in die Vergangenheit begeben. Die Geschichte von „Anna und Armand“, die die Enkelin Miranda Richmond Mouillot niedergeschrieben hat, ist dennoch etwas Besonderes und das nicht nur, weil sie auf einer wahren Begebenheit beruht. Das jüdische Paar floh 1942 in die Schweiz, überlebte den Krieg und kurz danach trennten sich ihre Wege. Seitdem haben sie kein Wort mehr miteinander gewechselt. Miranda ist fest entschlossen, das Schweigen zu brechen und herausfinden, was sie damals entzweit hat.

Schon als Kind fällt ihr die seltsame Beziehung zwischen den Großeltern auf und sie versucht, sich einen Reim darauf zu machen. Ihre Großmutter Anna ist redselig, beschreibt die Kriegszeit als die „Universität ihres Lebens“ und gibt ihr die Gabe, vierblättrige Kleeblätter zu finden, sowie viele Lebensweisheiten mit auf den Weg. Ihr Großvater Armand dagegen, bei dem sie in einem Internatsjahr in Genf lebt, ist verschlossen und reagiert jedes Mal wütend, wenn sie Anna erwähnt. Von ihm erfährt sie lediglich, dass Anna versucht habe, sein Leben zu ruinieren.  

Die Alltagssituationen, die Miranda mit ihrem schwer umgänglichen Großvater erlebt, beschreibt sie mit feiner Ironie. Sie stellt fest, wie unterschiedlich Anna und Armand sind, sei es die Art zu kochen, den Haushalt zu führen oder ihre Vorlieben für Musik. Fest steht, dass die Ehe ihrer Großeltern ein explosives Thema ist, das Miranda nicht mehr loslässt – erst recht, als ihr Großvater sie in das südfranzösische Dorf La Roche mitnimmt und ihr ein altes Steinhaus zeigt, dass er mit seiner Frau nach dem Krieg gekauft hat. Miranda fühlt sich aus unerklärlichen Gründen gleich zu Hause und nutzt jede Gelegenheit, um ihre Zeit dort zu verbringen. 

Ihre akribische Suche nach ihren familiären Wurzeln hat mich derart gefesselt, dass ich das Buch an einem Tag verschlungen habe. Stück für Stück setzt sie die Puzzleteile zusammen, studiert Dokumente aus Annas Flüchtlingsakte und gerät unter Zeitdruck, weil Armand zunehmend dement wird. Wo Fragen offen bleiben, versucht sie sich, in ihre Großeltern hineinzuversetzen und vernachlässigt dabei fast ihr eigenes Leben und ihre Zukunftspläne. Ihre wiederkehrenden Befürchtungen, ob sie nüchterne Fakten nicht grundlos romantisiert, kommen sehr gut zum Ausdruck. Nicht nur die mysteriöse Geschichte, auch die Sprache der Autorin entfaltet einen besonderen Zauber und man wird sich bei der Lektüre bewusst, dass man das Ergebnis ihrer mühsamen Recherchearbeit, die sie mit Fotos aus dem Familienarchiv und einer Zeittafel illustriert, in Händen hält. 

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2016-08-07
Daglfing

Brauch ich Lehrer für Deutsch

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Ich kenne sehr viele Lehrerinnen in meinem Freundeskreis, auch eine, die Ausländern Deutschunterricht gibt. Einen so ausgefallenen Schüler wie den Russen Sergey Dyck aus der Geschichte „Die Grammatik der Rennpferde“ von Angelika Jodl hat aber sicher keine von ihnen erlebt. Der Ex-Jockey arbeitet in Deutschland als Stallbursche und will ein Rennpferd kaufen. Dazu muss er jedoch seine Deutschkenntnisse auf Vordermann bringen und wer wäre als Lehrerin besser geeignet als die Linguistikdozentin Salli Sturm, die mit viel Enthusiasmus ausländischen Schülern Syntax und Konjugation näher bringt.

Für die alleinstehende 52-Jährige ist Sergey eine willkommene Herausforderung, um sprachliche und kulturelle Barrieren zu überwinden. Nebenbei erhofft sie sich, eine wissenschaftliche Studie zu dem Thema in einer Fachzeitschrift veröffentlichen zu können. Für dieses Projekt verlässt Salli sogar ihr Schwabinger Apartment und zieht zu Sergey auf einen gepachteten Hof in Daglfing. 

Ihr Schüler erweist sich als ziemlich harter Brocken. Mit Satzkonstruktionen kennt sich Salli bestens aus, doch welche Regel lässt sich bloß in dieser kniffligen Situation und Konstellation am besten anwenden – besonders, wenn auch noch romantische Gefühle ins Spiel kommen? Wie das ungleiche Paar täglich Deutsch- und Pferdekenntnisse austauscht und sich näher kommt, wird mit viel Wortwitz erzählt, mal in bissig-rauen, mal in warmherzig-gefühlvollen Tönen. Sergeys fehlerhafte Satzbrocken bringen sein Wesen und Temperament umso stärker zum Ausdruck. Martina Gedeck beweist, dass sie nicht nur eine hervorragende Schauspielerin, sondern auch eine begnadete Sprecherin ist, die jedem Dialekt, ob bayerisch oder russisch, gewachsen ist.

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2016-08-04
The Landing

Holpriger Neustart

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Manche alleinerziehende Mütter haben das Glück, dass ihnen Verwandte oder Freunde zur Seite stehen und ihnen im Alltag unter die Arme greifen.  Doch was ist, wenn die Vertrauensperson von einem Tag auf den anderen verschwindet? Genau das passiert der 33-jährigen Letty Espinosa in dem Roman „Weil wir Flügel haben“ von Vanessa Diffenbaugh. 15 Jahre lang hat sich ihre Mutter Maria Elena um die Enkelkinder Alex und Luna gekümmert während sie selbst in einer Bar am Flughafen den Lebensunterhalt verdiente. Als ihre Eltern plötzlich beschließen, in die mexikanische Heimat zurückzukehren, ist sie in der Kleinstadt The Landing, südlich von San Francisco, das erste Mal auf sich allein gestellt.

Hier baut sich der erste Spannungsbogen auf, denn zu gern will man wissen, wie Letty mit der neuen Situation umgeht. Ausgerechnet jetzt, wo sie mit der Erziehung ihrer Kinder völlig überfordert ist, treten auch noch zwei Männer in ihr Leben und bringen sie emotional durcheinander. Anfangs wirkt Letty, die ihre Mutterpflichten jahrelang vernachlässigt hat, nicht sonderlich sympathisch. Doch die Art und Weise, wie sie langsam in die Mutterrolle hineinwächst, sich durchbeißt und nichts unversucht lässt, um ihren Kindern ein besseres Milieu und ihrem intelligenten Sohn die bestmöglichen Zukunftsperspektiven zu bieten, gehen einem doch nahe.

Interessant wird die Geschichte vor allem durch den Perspektivenwechsel zwischen Mutter und Sohn. Aus der Sicht des 15-jährigen Alex erleben wir das ohnehin nicht leichte Erwachsenwerden unter nochmals erschwerten Bedingungen. Ich finde, der Autorin ist hier eine sehr vielschichtige Figur gelungen: Alex ist ein Jugendlicher, der die Faszination für Federmosaiken von seinem Großvater geerbt hat, einerseits verantwortungsvoll und besonnen handelt und stets bemüht ist, das Richtige zu tun –  andererseits durch die Begegnung mit seinem Vater aus der Bahn geworfen wird, bei seiner ersten großen Liebe unbedarft und unsicher wirkt und sich zu impulsiven und folgenschweren Taten verleiten lässt. Sicher hat die Autorin, die Mutter von zwei Pflegesöhnen ist, eigene Erfahrungen einfließen lassen. Es ist eine Geschichte, die immer mehr an Tiefe gewinnt und sowohl die innere Zerrissenheit der Figuren als auch die sozialen Missstände in einer klaren und flüssigen Sprache sehr authentisch wiedergibt. 

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2016-08-01
Barrandale

Die Welt ablichten

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Wer war diese Fotografin Amory Clay? Kann man mehr über sie erfahren? Leider nicht, denn diese faszinierende, unerschrockene Frau, von der William Boyd in seinem Roman „Sweet Caress“ („Die Fotografin“) erzählt, ist frei erfunden; auch wenn es einem schwerfällt, dies zu glauben – so real wirkt diese Frauenfigur, die der britische Schriftsteller zum Leben erweckt. 

Zum einen liegt es daran, dass er virtuos geschichtliche Ereignisse mit seiner Fiktion vermengt. Obendrein streut er Tagebuchaufzeichnungen ein, in denen die Ich-Erzählerin in einem Cottage auf der Hebrideninsel Barrandale ihr Leben Revue passieren lässt. Zudem ist der Roman mit Fotos, die Amory Clay angeblich selbst geschossen hat, in Wahrheit jedoch von Flohmärkten oder aus dem Internet stammen, illustriert. 

Als die Protagonistin zum siebten Geburtstag von ihrem Onkel ihre erste Kamera, eine Kodak Brownie Nummer 2, geschenkt bekommt, ist ihre Laufbahn als Fotografin besiegelt. Damit beginnt die Reise einer Frau durch das 20. Jahrhundert, die zu verschiedensten Brennpunkten der Geschichte führt. Im dekadenten Berlin der frühen 1930er Jahre fotografiert sie Szenen in Tanzclubs und Bordellen und löst mit ihrer ersten Ausstellung einen Skandal aus. Als Fotoreporterin einer amerikanischen Agentur gerät sie in eine Schlägerei mit faschistischen Demonstranten. New York und Paris während der Besatzungszeit sind die nächsten Stationen, wo sie sich weiterhin einen Weg durch die von Männern dominierte Welt bahnt. 

Fasziniert hat mich vor allem, wie sich ein männlicher Schriftsteller so tief in die Seele einer mutigen und kreativen Frau, und zugleich in die damalige Zeit einfühlen kann. Wer kommt schon auf die Idee, eine durch den Krieg gezeichnete Vaterfigur zu erfinden, die versucht, an einem schönen Sommertag nicht nur sich selbst, sondern auch seine Tochter in den Tod zu stürzen? Von ihren vielen Wunden und Verletzungen lässt sich Amory keineswegs einschüchtern. Sie fotografiert später überlebende Soldaten des Zweiten Weltkrieges, heiratet den traumatisierten Sholto Farr und wagt sogar eine Reise als Kriegsfotografin nach Vietnam. William Boyd hat einen kühnen und täuschend echten Künstlerroman geschrieben, der das Porträt einer ganzen Epoche zeichnet. 

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