2017-12-17
Montclair

Die vier Leben des Archibalds

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Ich habe lange überlegt, ob ich den neuesten Roman von Paul Auster mit dem Titel „4 3 2 1“ lese. Ich bin zwar ein großer Fan des amerikanischen Schriftstellers, doch seine letzten Bücher haben mich nicht so überzeugt. Ich war auch nicht sicher, ob ich mir die Geschichte von Archibald Ferguson in vier Varianten auf 1.000 Seiten wirklich antun will. Das englischsprachige eBook war allerdings so günstig, dass ich doch zuschlug. Eine sehr gute Entscheidung, wie sich herausstellte!

Archibalds Eltern, Rosie und Stanley, spielen in dieser Geschichte eine wichtige Rolle, so dass ihnen viel Platz eingeräumt wird. Rosie überlegt seitenweise Argumente für und gegen eine Heirat mit Stanley und gibt damit schon einen Vorgeschmack auf Austers Hauptthema: die vielzähligen Optionen, die ein Mensch in seinem Leben hat, und die gravierenden Folgen einer einzelnen Entscheidung.

„Was wäre wenn?“ Diese Frage taucht erneut auf, als der junge Archibald mit gebrochenem Bein im Bett liegt und darüber sinniert, was alles hätte passieren können, wenn er nicht auf den Baum geklettert wäre. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich verstanden habe, dass die vier Lebenswege nicht nacheinander erzählt werden – was zwar anstrengender, doch reizvoller ist, da es den direkten Vergleich der Lebensabschnitte ermöglicht.

Als Archibald seine unglückliche Liebe zu Amy Schneidermann schildert, dachte ich schon „Werde ich das nun in vier Variationen lesen?“ Tatsächlich wiederholen sich bestimmte Themen wie seine Liebe zum Lesen, Schreiben, zu Baseball, zu Paris und zu besagter Amy. Wie unterschiedlich Archibald Nummer eins bis vier eine Paris-Reise oder die Beziehung zu Amy erleben, macht gerade die Spannung aus. Es kommt auch vor, dass die Figuren ganz andere Wege gehen und sich schließlich doch in einer ähnlichen Situation wiederfinden.

Faszinierend sind auch die Geschichten in der Geschichte und die eingestreuten philosophischen Gedanken, zum Beispiel darüber wie viele Dinge gleichzeitig passieren. Jede der vier Erzählungen übt eine eigene Sogwirkung aus, weil es Paul Auster versteht, Gefühlsleben und Atmosphäre plastisch zu schildern und sogar mit dem Weltgeschehen zu verquicken. Das Durcheinander im Inneren und Äußeren wird fantastisch verwoben, als Archibald und Amy das lang ersehnte Wochenende in Zweisamkeit verbringen, während auf Kennedy das Attentat verübt wird.

Dieser Roman ist ein nicht nur ein Geniestreich, sondern auch fesselnder Lesestoff, der um die großen Themen des Lebens kreist. Es hat mich sogar dazu inspiriert, aus Spaß meine eigenen vier möglichen Lebenswege zu skizzieren. Ob daraus mal ein 1.000 starker Roman wird, ist allerdings fraglich.

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2017-12-14
Ystad

Miniaturen über das Universum und den Alltag

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Pünktlich zur kalten Jahreszeit ist „Im Winter“, der zweite Teil eines vierbändigen Projekts von Karl Ove Knausgård, erschienen. Der Titel hätte auch ebenso gut „Das Leben“ lauten können, denn darum geht es in dieser Essay-Sammlung. Das deutet bereits das erste Kapitel an, in dem der Autor in einem Brief seine ungeborene Tochter darauf vorbereitet, was sie nach der Trennung vom Mutterleib erwartet.

Es folgen Betrachtungen über Alltagsgegenstände, Lebewesen, Naturerscheinungen und abstrakte Themen, die in ihrer Auswahl willkürlich erscheinen. Manche haben einen Bezug zum Winter, manche nicht. Der norwegische Schriftsteller hat dabei einen ganz eigenen Stil: Erst beschreibt er sachlich Form und Funktionalität eines Elements wie Wasser oder eines Möbelstücks wie einen Stuhl. Daraus lässt er überraschende Assoziationen und Gedanken entfalten, die oft das ganze Universum umfassen.

Eines haben die Miniaturen gemeinsam: Sie sind alle angetrieben von Knausgårds immenser Neugier, Wissbegierde und Bewunderung für seine Umwelt. Er versucht das Leben zu begreifen, indem er Gesetzmäßigkeiten ausarbeitet, nach Parallelen zwischen der materiellen Welt und den Lebewesen sucht und Gegenstände bin ins Kleinste seziert.

Nach den Naturbeschreibungen zu Beginn des Buches, die eher trist, dunkel, teilweise mystisch sind, tut es richtig gut, wenn der Autor aus seinem Familienleben plaudert. Er beschreibt Geburtstagsrituale, die Unordnung im Kinderzimmer oder Weihnachtsvorbereitungen und bringt dabei nicht nur Farben, Fülle und Lebensfreude ins Spiel, sondern strahlt auch eine unglaubliche Wärme aus. Besonders gut gelingt ihm dies in der Episode „Weihnachtsgeschenke“. Darin beschreibt er, wie leblose Gegenstände wie ein Kuscheltier mit seinem neuen Besitzer eine Bindung eingehen und eine völlig neue Bedeutung gewinnen – erst als ständiger Begleiter, später als wertvolle Kindheitserinnerung.

Es ist erstaunlich, welche tiefgründigen Gedanken banale Alltagsgegenstände wie Zahnbürsten oder Q-Tips bei Knausgård auslösen. Sein Buch liest sich wie ein Appell, auf das Besondere, Staunenswerte im Leben, das sich einem nicht sofort erschließt, zu achten. Es enthält außerdem sehr schöne Aquarelle von Lars Lerin, die mit den Essays stimmig sind. Es könnte gut sein, dass ich bei meinem nächsten Waldspaziergang die Winterlandschaft mit anderen Augen sehe als bisher.

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2017-12-12
München

Hymne an die weibliche Leselust

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Lesende Frauen waren offenbar ein beliebtes Sujet in der Malerei. Blättert man in dem Kunstband „Frauen und ihre Bücher“ von Johannes Thiele versteht man auch warum. Malern wie Auguste Renoir, Jan Vermeer oder Thomas Sully ist es gelungen, diesen Zustand sinnlichen Vergnügens und tiefster Vertrautheit auf wunderbare Weise einzufangen. Die Porträtierten sind so vollkommen in ihrer Beschäftigung versunken, dass der Maler sich wie ein Eindringling fühlen musste.

Johannes Thiele hat nicht nur eine großartige Bildauswahl aus verschiedensten Epochen zusammengestellt – er kommentiert und interpretiert sie auch informativ, pointiert und voller Empathie. Am Gesichtsausdruck der Leserinnen erkennt man teilweise, um welche Art von Lektüre es sich handelt. Ein errötetes Lächeln könnte auf leichten, frivolen Lesestoff deuten, ernste Gesichter auf schwere Kost oder emotionsgeladene Briefe.

Die Bandbreite der dargestellten Frauen reicht von jungen Mädchen über vornehme Salondamen bis hin zu selbstbewussten, eleganten Frauen. Interessant ist auch die Vielfalt der Leseplätze. Manch ein Dienstmädchen nutzte jede freie Minute, um sich mit seinem Roman in ein Kämmerchen zurückzuziehen und ungestört lesen zu können. Andere liegen ausgestreckt auf einem Canapé und wirken durch ihre Anmut, Schönheit und Versunkenheit unnahbar. Und doch fühlt man sich als Lesebegeisterte diesen Frauen und ihrer Leidenschaft sehr nahe. Ein Kunstband, das sich sehr gut als Weihnachtsgeschenk eignet. 

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2017-12-09
Haverstraw

Psycho-Serie mit hohem Suchtfaktor

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Wie würde wohl mein Freund reagieren, wenn ich an einem Badesee wie eine Irre auf einen Fremden losgehe und ihn niedersteche? Genau das tut die junge Mutter Cora Tannetti in der Netflix-Serie „The Sinner“. Ihr Mann Mason kann nur fassungslos zusehen und den Sohn in Sicherheit bringen. Cora kann von Glück sprechen, dass sich der Ermittler Harry Ambrose extrem für den Fall interessiert. Obwohl Cora längst ein Geständnis abgelegt hat, wittert Harry mehr hinter der unergründlichen Tat und geht der Sache nach.

In Rückblenden erfahren wir, welch schwierige Kindheit Cora durchlebt hat. Die streng religiöse Mutter gab ihr immer wieder die Schuld an der schweren Krankheit und dem Tod ihrer Schwester. Unter den Umständen würde man Cora glatt zutrauen, dass sie psychisch krank und zu einer unberechenbaren Tat fähig ist. Obwohl ihre Aussagen widersprüchlich sind, gibt der Harry nicht auf und bohrt weiter. Was geschah in der Nacht, als ihre Schwester starb? Und was hat die Tapete zu bedeuten, die Cora immer wieder in ihren Alpträumen sieht?

Die zwei wechselnden Erzählstränge erzeugen eine immense Spannung: Auf der einen Seite dringt Harry durch seine Hartnäckigkeit immer tiefer in Coras Psyche ein und deckt neue Fakten auf, die den Fall in eine neues Licht rücken. Andererseits nähern sich die Rückblenden immer mehr der Gegenwart. Von dem jungen, charmanten Bill Pullman aus der Liebeskomödie „Während du schliefst“ ist nicht mehr viel wiederzukennen. Sein starrer Blick und seine masochistischen Neigungen sind eher verstörend, tun aber seiner intuitiven und effizienten Detektivarbeit keinen Abbruch. Auch Jessica Biel spielt ihre Rolle zwischen Resignation, Verzweiflung und leiser Hoffnung sehr überzeugend. Die achtteilige Serie basiert auf dem Roman „Die Sünderin“ der deutschen Autorin Petra Hammesfahr und hat einen hohen Suchtfaktor.

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2017-12-06
Berlin

Raus aus Stroodle und Tracebook

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Es ist Liebe auf den ersten Blick, als Richard Westermann, Hauptfigur des Romans "Westermann und Fräulein Gabriele" auf einer Beerdigung Olympia begegnet. Allerdings handelt sich nicht um ein weibliches Wesen, in das sich der Vorstand eines IT-Konzerns verguckt hat, sondern um die Schreibmaschine des verstorbenen berühmten Schriftstellers Rupertus Höfer. Durch Zufall ist Westermann auf dessen Trauerfeier geraten und fühlt sich von dem altmodischen Gerät magisch angezogen. Der Kontrast zu seiner aktuellen Produktentwicklung, eine ausspähsichere Krypto-Box, könnte größer nicht sein.

Da der Erbe und Besitzer der Olympia sich partout nicht von ihr trennen will, sucht sich Westermann einen Ersatz und findet bei einem Händler das Exemplar Gabriele, Jahrgang 58. Vor dem Kauf inspiziert er das Gerät bis in den letzten Winkel und testet jedes Detail, als ob er einen Neuwagen Probe fahren würde. Man fragt sich, warum er so besessen davon ist, eine muffig riechende Schreibmaschine zu ergattern. Will er die Reaktion seiner Kollegen testen? Ein besonderes Statement setzen? Oder leidet er einfach unter einer Midlife Crisis?

Auch seine Mutter Yolanda zeigt wenig Verständnis, zumal sie gerade genau den umgekehrten Weg geht. Im Senioren-Internet-Café hat sie Blut geleckt, schafft sich einen PC an und nervt seinen Sohn mit „i-Mehls“ und „Tracebook“. Dieser reagiert höchst alarmiert, weiß er doch, welche Gefahren im Netz lauern, wenn man unbedarft seine Daten preisgibt. Diese Erfahrung muss auch der Erbe Rupert Höfers machen, der vergeblich versucht, die digitalen Spuren seines Vaters zu löschen. Dieser mag tot sein, doch sein Profil lebt im Netz auf makabre Weise weiter.

Mit bissigem Humor, Situationskomik und witzigen Wortschöpfungen, aber auch tiefgründig nimmt Katharina Münk die moderne Arbeitswelt aufs Korn und beleuchtet die Digitalisierung aus der Sicht verschiedener Generationen: aus der Sicht Westermanns, der des Datenhypes überdrüssig ist und sich in der analogen Welt wieder erden kann, seiner Mutter, die endlich in der digitalen Welt mitmischen und dazugehören möchte oder seines Sohnes, für den der Sound der Schreibmaschine so außergewöhnlich klingt, dass er ihn in sein Online-Archiv verschwundener Töne aufnimmt. Klack klack, pling, pling … Diese Geräusche wecken ebenso nostalgische Gefühle wie auch diese charmante Story.

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2017-12-03
Cumbria

Gelungene Shakespeare-Adaption

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Wie viele Schriftsteller haben sich wohl auf die eine oder andere Weise von Shakespeare inspirieren lassen? Im „Hogarth Shakespeare-Projekt“ haben acht renommierte Autoren ein Drama ihrer Wahl sogar ganz konkret neuinterpretiert, darunter auch der britische Journalist und Schriftsteller Edward St Aubyn. In seinem Roman "Dunbar und seine Töchter" hat er sich „King Lear“ vorgeknöpft und aus dem Stoff eine zeitlose, dramatische Familiengeschichte gestrickt.

Sie beginnt in einem Sanatorium in Cumbria im Nordwesten Englands. Henry Dunbar, Chef eines Medienimperiums, wurde von seinen zwei intriganten und machthungrigen Töchtern Abigail und Megan mit Medikamenten vollgepumpt und in die Klinik abgeschoben. Es gelingt ihm jedoch, gemeinsam mit dem trinkfreudigen Komiker Peter Walker auszubrechen. Während Peter nur an einer Sauftour interessiert ist, wird aus Dunbars Flucht eine Reise zur Selbsterkenntnis. Schon bald trennt er sich von seinem Begleiter und versucht, trotz seiner schwachen körperlichen Verfassung allein einen Pass zu überqueren. Dabei reflektiert er voller Reue über sein verpfuschtes Leben, seine geliebte Frau, die er durch einen Unfall verlor und seine jüngste Tochter Florence, die er zu Unrecht enterbte.

Die körperliche Grenzerfahrung und der völlige Kontrollverlust im tiefsten Wald führen bei Dunbar zu einer seelischen Läuterung. In starken Metaphern beschreibt der Autor, wie psychische und physische Schmerzen sowie Innen- und Außenwelt miteinander verschmelzen. Es kommt einem vor, als suche der einst machthungrige und skrupellose Unternehmer mit dem quälenden Aufstieg auf den Berg die Nähe Gottes, seine Gnade und Erlösung.

Währenddessen starten sowohl die „bösen“ Töchter als auch Florence mit ihren jeweiligen Verbündeten eine große Suchaktion. Die Spannung wird dadurch erhöht, dass in vier Tagen eine Aufsichtsratssitzung geplant ist, die über die Zukunft des milliardenschweren Konzerns entscheiden soll. Was die Skrupellosigkeit und Grausamkeit von Abigail und Megan betrifft, werden alle Register gezogen. Ihre Kaltblütigkeit und Gewaltbereitschaft erinnert an so manche Figur aus Shakespeares Vorlage. Edward St Aubyn hat in seinem fesselnden Roman nicht nur den Stoff von King Lear geschickt in die Neuzeit versetzt, sondern auch den Fall und die Läuterung eines Menschen, nachdem er auf die nackte Existenz reduziert wurde, stilistisch und dramaturgisch überzeugend umgesetzt.

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2017-12-01
München

4 Jahre – 314 Orte

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Heute wird YukBook vier Jahre alt. Eine gute Gelegenheit, um mich bei Euch allen für Eure Treue und das positive Feedback zu bedanken! Mein Dank gilt auch den Verlagen, die mich freundlicherweise regelmäßig mit Rezensionsexemplaren versorgen.

Das vergangene Jahr führte mich wieder an viele neue Schauplätze, darunter so exotische wie Kugluktuk, Sichuan oder Kalaw. Ich war jedoch nicht nur in der Weltgeschichte unterwegs, sondern bin mit großer Vorliebe in das Leben anderer Menschen eingetaucht. Ob Astrid Lindgren, Ingrid Bergmann, Fanny Lewald oder Charlotte Berend-Corinth, ihre Biografien sind mindestens so spannend zu lesen wie ein fantastischer Abenteuerroman. Die besten Geschichten schreibt eben das Leben.

Auch Bücher rund ums Schreiben und Lesen schleichen sich immer wieder ganz unauffällig auf meine Leseliste. Die Inhalte mögen sich ähneln, doch sieht jede/r Autor/in das Thema aus einem etwas anderen Blickwinkel und schenkt mir neue Anregungen oder Erkenntnisse.

Ich habe keine Ahnung, in welche Winkel der Erde und der Literaturszene es mich im kommenden Jahr treiben wird. Ich lasse mich überraschen und freue mich, wenn Ihr wieder mit an Bord seid.

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