2017-10-21
Hildesheim

Irgendwas mit Schreiben

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Viele verdienen ihren Lebensunterhalt damit, Texte zu schreiben. Manche haben dafür studiert, manche nicht. Welche Möglichkeiten bieten sich eigentlich Absolventen von Schreibschulen? Wie stehen sie zu ihrem Beruf und haben sich ihre Erwartungen erfüllt? Einen Eindruck von ihren Erfahrungen bekommt man in der Anthologie „Irgendwas mit Schreiben“, herausgegeben von Jan Fischer und Nikola Richter.

Dabei muss es nicht einmal ein einzelner Beruf, der aus einem Schreibstudium in Hildesheim oder Leipzig resultiert. Martina Hefter zum Beispiel arbeitet als Lektorin, Schreibcoach, Autorin und unterrichtet in einem Poledance-Studio. Sie sieht sich als Künstlerin, die auch Texte schreibt und wäre dafür, dass Schreibschulen mit Kunst-, Theater-, Musik- und Tanzhochschulen zusammengelegt würden.

Die Kunst steht auch in dem Beitrag von Luba Goldberg-Kuznetsova im Mittelpunkt. Sie bedauert, dass manche Übungen und Pflichtseminare am Literaturinstitut in Hildesheim nur dazu da sind, das Schreibinstitut als wissenschaftliche Institution zu rechtfertigen. Ihrer Meinung nach gehört das Schreiben von Literatur zu den Künsten und sollte deshalb nicht im wissenschaftlichen Kontext betrachtet und bewertet werden.

Jacqueline Moskau stellt fest, dass es keinen allgemeingültigen Ausbildungsweg zum Schriftsteller gibt. Ein Schriftsteller-Dasein könne man sich ebenso wenig wie ein literarisches Lebenswerk als konkretes Ziel setzen und planen. Sie teilt mit den Lesern ihre Gedanken über den idealen Schreibraum, die Frequenz, das Auskommen und wieviel gesellschaftlicher Umgang gut tut.

Doch auch ganz andere Arten von Diplomautoren kommen zu Wort wie zum Beispiel ein „Fastfood-Journalist“, der für eine Versicherungszeitung schreibt oder ein ehemaliger Schreibschulstudent, der zum Schreibschuldozenten wurde. Beim Fernsehen, so berichtet ein anderer, liege die Kunst darin, industrielle Fertigung von Texten mit Kreativität zu verbinden und ein gutes Arbeitsklima zu schaffen und zu erhalten. Mal kritisch, mal witzig und selbstironisch erzählen die Autoren und Autorinnen von ihren Lebensläufen und geben Einblick in typische Hürden, Krisen, Träume und Ambitionen.

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2017-10-18
Bordighera

Spuk oder Verschwörung?

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Emma Garnier versteht es, auf wenigen Seiten den Leser vollkommen in den Bann zu ziehen. In ihrem Roman „Grandhotel Angst“ wirft sie im Prolog gleich zwei Köder aus: Sie katapultiert uns ins Jahr 1899 und in einen paradiesischen Ort vor der Kulisse der Seealpen, an dem wir gern ein wenig länger verweilen möchten, und konfrontiert uns zugleich mit einer kriminellen Tat, die nichts als Fragen aufwirft.

Rückblenden verraten uns in Versatzstücken, wie die Protagonistin Nell innerhalb einer Woche in ihre ausweglose Lage geriet. Dabei fing alles so traumhaft für sie an: Die Ankunft in dem idyllischen Bordighera an der ligurischen Küste mit ihrem frisch angetrauten Mann und die Aussicht auf unbeschwerte Flitterwochen im Luxushotel Grandhotel Angst. Doch von Tag zu Tag benimmt sich ihr Ehemann seltsamer, hüllt sich in Schweigen, wenn es um seine verstorbene Frau Kate geht, und trifft sich mit zwielichtigen Geschäftspartnern.

Noch bedrohlicher empfindet Nell das Hotel, in dem merkwürdige Dinge geschehen – besonders nachdem sie von der Legende rund um Lucrezia erfährt, die nicht nur von ihrem einstigen Grundstück vertrieben und verbrannt wurde, sondern Nell offenbar sehr ähnlich sieht. Überall wittert Nell Gefahr und ist sich nicht sicher, ob diese von der herumgeisternden, auf Rache sinnenden Lucrezia oder von einem perfiden Komplott ihres Ehemannes ausgeht.

Die Autorin verwebt bewusst das glamouröse und romantisch anmutende Ambiente mit gruseligen Elementen, die an Hitchcocks Verfilmung „Rebecca“ oder an Schauerromanen von Edgar Allan Poe erinnern. Ihre Beschreibungen – sei es die opulente Hotelausstattung, die mediterrane Landschaft oder das vornehme Gebaren der reisefreudigen Engländer – regen das Kopfkino an und verzeihen so manche Übertreibungen und kleine Schwächen in der Handlung. Das Grandhotel Angst und seine Legende existieren tatsächlich und haben Emma Garnier zu ihrem Thriller inspiriert. Ihr gelingt es, die einstige Pracht des Hotels und die Atmosphäre jener Zeit spannend und mit einem Hauch von Mystik aufleben zu lassen.

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2017-10-15
Kaanapali

Wege zu einer kreativen Karriere

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Es hat seinen Grund, warum nicht nur der Titel des Buches „Mut zur Kreativität“ von Doreen Virtue mit dem Wort „Mut“ beginnt, sondern jedes der insgesamt 17 Kapitel. Denn an Kreativität, so die Überzeugung der amerikanischen Autorin, mangelt es den Menschen nicht, jedoch an Mut.

Der erste Teil des Buches hat mich stark angesprochen, weil sie erläutert, wie wichtig die eigenen Gefühle für den kreativen Prozess sind. Unter diesem Aspekt hatte ich das Thema Kreativität noch nicht betrachtet. Die Psychologin und Familientherapeutin empfiehlt, besonders auf unsere Ängste und Unsicherheiten zu achten, da genau diese Gefühle uns Menschen miteinander verbinden. Nutzen wir diese Gefühle als Ausgangspunkt für Kreativität, sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir mit unserer Kunst andere berühren. Das würde auch erklären, warum mich bestimmte Kunstwerke wie ein abstraktes Gemälde von Picasso, das weder ästhetisch noch harmonisch ist, mich in meinem tiefen Inneren anspricht. Sie sind vermutlich einem authentischen Gefühl entsprungen, das unverfälscht und kreativ zum Ausdruck gebracht wurde.

Aus dem Grund rät Doreen Virtue auch davon ab, seine Vision durch äußere Faktoren wie die Meinung anderer oder Markttauglichkeit zu verwässern. Nur so gelang es ihr wahrscheinlich, ihr erstes Buch nach vier Absagen weiteren 40 Verlagen zuzusenden und nicht den Mut zu verlieren, bis sie schließlich vier Zusagen erhielt. Mir gefällt ihre Anregung, seine Kreativität als ein Geschenk zu sehen, das man sich selbst macht und als Nebeneffekt auch anderen helfen kann. Doch wie geht man auf andere zu und macht auf seine Kunst aufmerksam? Dazu gibt Doreen Virtue im zweiten Teil des Buchs viele praktische Tipps, von der Unterstützung durch Agenten und Netzwerken über die eigene Website bis hin zu Fachportalen und passenden Veranstaltungen.

Auf einige Wiederholungen hätte die Autorin verzichten können. So geht sie mehrmals auf typische Verzögerungstaktiken und Ausreden ein, warum viele Menschen dauerhaft im Vorbereitungs-Modus bleiben, statt aktiv zu werden. Andererseits macht sie dadurch deutlich, dass genau aus dem Grund unzählige Ideen in der Schublade landen und nie in ein konkretes Projekt umgesetzt werden. Doreen Virtue, die auf Hawaii lebt, stammt aus einer hellseherisch begabten Familie und ist vor allem durch ihre Engel-Therapie bekannt geworden. Auch in diesem Buch geht sie darauf ein, wie Engel uns die Richtung weisen und uns auf dem Weg zu einer kreativen Karriere unterstützen können. Durch ihre ausgewogene Mischung aus spirituellem und praktischem Wissen und ihrem motivierenden und einfühlsamen Schreibstil macht sie den Lesern Mut, mögliche Hindernisse und Glaubenssätze aus dem Weg zu räumen, um ein kreatives Leben zu führen, das einen nicht nur erfüllt, sondern auch finanziell versorgt.

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2017-10-12
Portland

Einstein oder Phoenix

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Als ich das erste Mal von dem Begriffspaar Taucher und Scanner hörte, war es für mich ein Aha-Erlebnis. Ganz klar konnte ich mich zwar nicht zuordnen, aber tendenziell erkannte ich in mir die Scannerin, die im Leben möglichst viel entdecken und ausprobieren möchte statt bei einer Sache in die Tiefe zu gehen. Auch die Amerikanerin Emilie Wapnick zählt sich zu dieser Gruppe, hat allerdings einen neuen Begriff geschaffen: Sie nennt sich ‚Multipotentialite‘. In ihrem Buch „How To Be Everything“ beschreibt sie viele Möglichkeiten, wie diese Menschen ihre vielfältigen Interessen beruflich und privat ausleben können.

Wapnick stellt fest, dass ‚Multipotentialites‘ im Vergleich zu Spezialisten eher mit einem negativen Image zu kämpfen haben und spricht aus eigener Erfahrung. Sie tummeln sich auf vielen Feldern und beherrschen nichts gescheit – so die verbreitete länder- und kulturübergreifende Meinung. Damit holt die Autorin geschickt alle Betroffenen ab und zeigt Verständnis für ihre häufigsten Sorgen: Kann ich als Multipotentialite überhaupt von meinem Beruf leben? Wird in der Regel nicht ein Spezialist gegenüber einem Multitalent bevorzugt? Wie stark leidet die Produktivität? Und erst das Selbstbewusstsein?

Die Autorin räumt mit gängigen Vorurteilen auf und betont, dass es auf Expertise und Erfahrung allein nicht ankommt, obwohl die meisten Karrierebücher eher darauf ausgerichtet sind. Sie ist überzeugt, dass Scanner-Typen viele wertvolle Fähigkeiten mitbringen wie schnelles Lernvermögen, Flexibilität, die Fähigkeit, größere Zusammenhänge zu erkennen, Dinge zu kombinieren, auf andere Gebiete zu übertragen und neue originelle Ideen hervorzubringen.

Konkret stellt sie vier verschiedene Arbeitsmodelle vor, die sehr schlüssig sind und zudem sehr treffende Namen haben. Der „Group Hug Approach“ wird diejenigen ansprechen, die möglichst viele ihrer Interessen und Fähigkeiten in einen Hauptberuf einbringen möchten. Der „Slash Approach“ dagegen sieht mehrere parallele Tätigkeiten vor, so dass keine Langeweile aufkommt. Beim „Einstein Approach“ geht man einem Hauptberuf nach, den man gern ausübt und mit dem man verschiedenste Hobbies finanzieren kann. Der „Phoenix-Approach“ wird diejenigen begeistern, die aus einem Posten das Maximale herausholen, um dann zur nächsten herausfordernden Tätigkeit zu wechseln und sich so immer weiter entwickeln. Auch eine Kombination aus den Modellen wäre denkbar, die die Autorin mit vielen Beispielen belegt. Hunderte von Leuten hat Emilie Wapnick befragt, die ein glückliches und finanziell stabiles Leben führen. Viele haben sich statt zielstrebiger Karriereplanung für eine facettenreiche Lebensgestaltung entschieden.

Das Buch ist sehr gut strukturiert, unterhaltsam geschrieben und enthält viele praktische Übungen, um die Empfehlungen umzusetzen. Eine der wichtigsten Aufgaben wird gleich am Anfang gestellt: sein „Warum“ zu definieren, indem man eine Masterliste mit all seinen Interessen und Fähigkeiten erstellt. Durch wilde Kombinationen untereinander lassen sich vielleicht ganz neuartige Tätigkeiten und Beschäftigungsfelder erschließen.

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2017-10-10
Rom

Drei Reisen täglich

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Drei Reisen täglich. Das ist möglich, auch wenn nur virtuell dank einer tollen Doku-Serie, die auf arte ausgestrahlt wird. Die Sendung „Stadt, Land, Kunst“ stellt Orte unter einem ganz bestimmten Aspekt vor, nämlich inwiefern sie Künstler und ihr Schaffen inspirierten. Da die Serie werktags um 13 Uhr läuft, bin ich dankbar, dass ich abends in der Mediathek aus der riesigen Auswahl die besonders interessanten Folgen herauspicken kann.

Das Konzept finde ich als Reise- und Kunstbegeisterte sehr gelungen. So lernte ich zum Beispiel nicht nur den Naturpark Cap de Creus in Katalonien kennen, der den Maler Salvador Dalí zu seinen Bildern inspirierte  – ich konnte auch einen virtuellen Rundgang durch sein ausgefallenes Wohnhaus machen. Ich erfuhr, warum es ohne Arles nicht van Goghs Farbpalette gegeben hätte, warum man Christian Diors Mode besser versteht, wenn man seine normannische Herkunft kennt und wie Grasse, Schauplatz des berühmten Romans von Patrick Süskind zur Hauptstadt der Blumen und Parfümerien wurde. Und wer hätte gedacht, dass die Cinecittà Studios in Rom einst Flüchtlinge aus aller Welt aufnahm, die unter anderem in dem Monumentalfilm „Quo Vadis“ als Statisten mitspielten.

An einem Abend, wo ich etwas mehr Zeit hatte, bin ich ganz schön rumgekommen – und das ganz ohne Strapazen: Meine Reise begann in Edvard Munchs Norwegen, führte in das Café Zentral in Wien, dann auf die griechische Insel Korfu, nach Rom auf die Piazza Navona, wo einst Seeschlachten nachgestellt wurden, in das kroatische Seebad Opatija, auf die Route 66 und endete in Robert Stevensons Monterey. Jede Sendung besteht aus zwei Beiträgen sowie einem kurzen Special unter dem Motto „Ein absolutes Muss“. Darin erfährt man so manch interessante Fakten, zum Beispiel, dass die Brooklyn Bridge als Weinlager genutzt wurde oder der Dachstall des Invalidendoms in Paris als Versteck für französische Kampfpiloten diente.

Falls ich Euer Reisefieber geweckt habe, hier eine kleine Auswahl von Beiträgen, die mir besonders gefielen:

Von Nizza nach Bordighera – Das goldene Zeitalter der Riviera
Honfleur, Wiege des Impressionismus und Geburtsort Eugène Boudins
Kopenhagen – „Der Winter“ von Paul Gauguin
Art déco in Los Angeles
Valparaiso, Pablo Nerudas Sehnsuchtshafen in Chile
Singapur und seine außergewöhnlichen Gärten

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2017-10-06
Zürich

Wackelige Existenz

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Es gibt Einschnitte im Leben, die einen zwingen, auf sein bisheriges Leben zurückzublicken und sich neu zu orientieren. Bei Christian Haller war es ein Hochwasser, das sein Haus am Rhein wegriss. Im zweiten Band seines autobiografischen Romanprojekts „Das unaufhaltsame Fließen“ besichtigt er die Renovierungsarbeiten und erinnert sich, dass ihm seine Existenz als Zwanzigjähriger ähnlich brüchig vorkam wie das Fundament seines Hauses. Mit seinen Gedanken und Erfahrungen konnte ich mich stellenweise gut identifizieren. Ich kenne sie auch – diese Phasen, in denen man an mehreren Schreibprojekten arbeitet, aber nirgends so richtig vorankommt. Auch der Ich-Erzähler wartet auf einen Befreiungsschlag. Nachdem er für seine Märchen und Gedichte keinen Verleger findet, stürzt er sich euphorisch auf ein neues Projekt: den Nachlass des Dichters Adrien Turel zu sichten und zu sichern.

Gut nachvollziehen konnte ich auch das Gefühl, in einer Parallelwelt zu leben, in der man von literarischen Texten und Romanfiguren umgeben ist. Man spürt die Notwendigkeit, sich der Wirklichkeit zu stellen und mit realen Menschen in Kontakt zu treten, findet jedoch keine passende Gelegenheit. Erstaunt hat mich dann doch, dass der Ich-Erzähler nach einer Tätigkeit als Aushilfslehrer ein Zoologie-Studium aufnimmt, was so gar nicht zu dem Bild passte, das ich mir bis dahin von ihm gemacht hatte. Das Gebiet stellt sich zwar auch nicht als seine Berufung heraus, liefert ihm jedoch immerhin interessante Einsichten, zum Beispiel wie gegensätzlich die Vorgehensweisen in der wissenschaftlichen und in der literarischen Arbeit sind.

Während Haller noch auf der Suche nach dem für ihn stimmigen Lebenskonzept ist, geht seine Freundin Pippa als Theaterschauspielerin zielstrebig ihren Weg. Dass er durch Zufall einen Posten in der Gottfried Duttweiler Stiftung bekommt, ist Ironie des Schicksals. Zunächst glaubt er, nun endlich die große Welt kennenzulernen und in der Gegenwart und Wirklichkeit anzukommen. Er erkennt jedoch schnell, dass er auch an seinem neuen Arbeitsplatz nichts weiter ist, als eine Figur in einem makabren Drehbuch, das er nicht einmal selbst geschrieben hat. Er wird zur Marionette, die für politische und wirtschaftliche Machenschaften ausgenutzt wird.

Einen Vorteil kann er daraus nur ziehen, indem er einfach mitspielt und Stoff für künftige literarische Arbeiten sammelt. Ich bewundere die Offenheit, mit der der Autor seine verschiedenen Lebensstationen und ernüchternden Erfahrungen beschreibt und kritisch mit sich ins Gericht geht. Bei der Zeichnung der Nebenfiguren und -schauplätze hätte ich mir etwas mehr Tiefe gewünscht. So ließ in manchen Passagen meine Aufmerksamkeit etwas nach. Vielleicht wartete ich auch vergeblich darauf, dass Haller durch seine vielseitigen Erfahrungen zu einer Erkenntnis kommt, die ihm endlich den richtigen Weg weist. Aber das geschieht ja vielleicht im dritten Band. Man darf gespannt sein.

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2017-10-03
Kalaw

Burmesische Märchenkultur

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Es gibt verschiedene Arten, sich dem Kultur- und Gedankengut eines Volkes zu nähern. Der Schriftsteller Jan-Philipp Sendker hat mehrmals Burma bereist und für seine bekannten Romane über Land und Leute recherchiert. Eine Tradition faszinierte ihn wohl besonders: die Märchenkultur. Er begleitete Einheimische in die Dörfer rund um den Ort Kalaw, besuchte Klöster und ließ sich Märchen und Fabeln erzählen. Die mündlich übertragenen Erzählungen hat er in dem Band „Das Geheimnis des alten Mönches“ zusammengetragen und für uns zugänglich gemacht.

Es ist erstaunlich, wie sich die großen Themen der Menschheit decken, ganz gleich ob man die Märchen von Christian Andersen, der Gebrüder Grimm oder diese aus Burma liest. Sie handeln meist von unerschütterlicher Liebe, von Zuversicht, Habsucht oder Vergebung.

Was ist nun das Besondere an den burmesischen Fabeln? Auffällig fand ich, dass sich keine bestimmte Formel erkennen lässt, zum Beispiel dass die Guten stets die Bösen besiegen. Einige hatten sogar einen offenen oder überraschenden Ausgang und machten erst recht nachdenklich. Ein Thema, das in verschiedenen Variationen immer wiederkehrt, ist der Neid auf andere und die Versessenheit auf Gerechtigkeit. Bevor man jemandem etwas Besseres gönnt, leidet man lieber selbst. Gilt dies nicht auch für die heutige Zeit? Manche können ein noch so luxuriöses Heim bauen – solange der Nachbar eine größere Villa hat, wird er nie zufrieden sein. Wie unglücklich man sich mit dieser typisch menschlichen Schwäche macht, zeigt die tragische Geschichte „Wie die Drossel ihr farbenprächtiges Gefieder verlor“. Aus lauter Habgier verliert eine Drossel etwas äußerst Wertvolles, das unwiederbringlich ist.

Die Märchen sind so vielfältig und kurzweilig, dass ich sie in einem Rutsch gelesen habe. Manche brachten mich zum Schmunzeln, zum Beispiel „Der Mond im Brunnen“, in der ein Mann versucht, den Mond aus dem Brunnen zu retten und sich hinterher freut, wie gut ihm das gelungen ist. In Situationen, wo man sich in der heutigen Zeit rechtlichen Beistand holen würde, lassen die Protagonisten kluge Hasen oder Affen als Schiedsrichter fungieren. Besonders gut gefielen mir die Märchen, die buddhistische Weisheiten durchschimmern lassen: zum Beispiel, dass alles auf der Welt Ansichtssache ist oder dass sich die Menschen durch Selbsttäuschung das Leben schwer machen.

Aber nicht alle Geschichten sind so leichtfüßig. „Die Flut“ zum Beispiel führt drastisch vor Augen, zu welch grausamen Taten Menschen aus Verletztheit oder Rachegefühl fähig sind. Sendker beweist wieder einmal, was für ein begnadeter Schriftsteller er ist und lässt uns in einem wunderbaren Erzählstil am Zauber der burmesischen Märchen teilhaben.

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2017-10-01
New York

Verpasste Chancen und verlorene Identitäten

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„The Middlesteins“ war ein tolles Buch, „St. Mazie“ noch ein Tick besser. Jetzt hätte der dritte Roman, den ich von Jamie Attenberg gelesen habe, eine weitere Steigerung sein können, ist er aber leider nicht. Trotzdem habe ich den Kauf von "All Grown Up" nicht bereut, weil ich den unverwechselbaren Schreibstil, Witz und die Beobachtungsgabe der amerikanischen Autorin zu schätzen gelernt habe. 

Worum geht’s? Die Ich-Erzählerin Andrea fühlt sich mit 39 Jahren immer noch orientierungslos. Obwohl die Figur im ganzen Roman nicht sehr sympathisch herüberkommt, konnte ich mich doch gleich in der Anfangsszene gut in sie hineinversetzen. Sie macht jeden Tag eine Zeichnung vom Empire State Building, den sie aus ihrem Fenster sieht, und hofft auf eine kreative Eingebung, wie sie von ihrem langweiligen Job als Grafikdesignerin loskommen und zur Malerei zurückfinden kann.

Sicher werden die Meinungen über das Buch gespalten sein. Die einen sehen darin nur deprimierende Gedanken einer einsamen Single-Frau über ihr gescheitertes Leben. Andere erkennen in der Protagonistin typische Merkmale einer ganzen Frauengeneration. Andrea möchte kein konventionelles Leben führen und bekommt immer wieder zu spüren, dass sie nicht in die Welt hineinpasst. Alle Menschen in ihrem Umkreis bauen ein neues Leben auf, heiraten, bekommen Kinder. Sie ziehen weg und lassen sie zurück, so wie ihre Mutter, die sich um Andreas todkranke Nichte in New Hampshire kümmern möchte. Andrea kann sich nicht einmal überwinden, ihre beste Freundin Indigo zu besuchen, weil sie genau weiß, sobald sie deren Neugeborenes im Arm hält, ist es mit der Freundschaft vorbei. 

Dabei ist gar nichts verkehrt mit Andreas Leben – außer, dass es seit geraumer Zeit exakt gleich ist. Statt damit zufrieden zu sein, kann sie nicht umhin, sich mit ihren Freundinnen und Kolleginnen zu vergleichen, um dann über ihre eigene Vergangenheit zu reflektieren. Sie erinnert sich an die Zeit, als sie in ihr New Yorker Apartment zog mit dem Ziel, Malerin zu werden, und versucht nachzuvollziehen, wie sie sich in ihre jetzige Lage manövriert hat. Auch wenn der Grundton melancholisch ist, gibt es auch einige amüsante Szenen, zum Beispiel als Andrea von einer Schauspielerin, die in ihr Haus zieht, besessen ist und ihr nachstellt. Jeder, der sich immer wieder Gedanken darüber macht, was er aus seinem Leben machen möchte, wird sich in diesem Buch sicher wiederfinden.

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