2017-11-18
Föhr

Lyriker mit Inselbegabung

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Eine Sicherungskopie seines Lebens erstellen – keine leichte Aufgabe, die sich der Ich-Erzähler B. in dem autobiografischen Roman „Der Insulaner“ von Henning Boëtius vorgenommen hat. Zumal die Zeit drängt, denn B. muss einen Gehirntumor operieren lassen und hat Angst, alles zu vergessen, was seine Identität ausmacht. In einem Narkosetraum erzählt er einem Therapeuten seine ganze Lebensgeschichte.

Auf Vollständigkeit legt B. großen Wert, denn er berichtet nicht nur chronologisch, sondern holt weit aus und macht uns zunächst mit der Herkunft seiner Eltern vertraut. Alle geschilderten Details sollen schließlich dazu dienen, herauszufinden, wie und warum B. so geworden ist wie er ist.

Die Schauplätze wechseln unter anderem zwischen Föhr, Rendsburg und Frankfurt. Er schildert nicht nur seinen eigenen Lebensweg vom hochbegabten Physiker zum experimentierfreudigen Dichter, sondern charakterisiert auch sehr sorgfältig die Menschen, die ihn begleitet und beeinflusst haben, wie Verwandte, Mitschüler und Lehrer. Dabei gibt es eine Konstante in seinem Leben: die Suche nach einem Freund, einem Seelenverwandten. Er wird jedoch immer wieder enttäuscht. Weder sein Vater, seine Schulkameraden noch die Mädchen und Frauen, in die er sich verliebt, können ihm das ersehnte Gefühl der Nähe geben. Er fragt sich, ob er sie durch seine klugen Belehrungen vertreibt oder ob es in der Natur des Menschen liegt, allein zu leben wie ein Insulaner.

Seine einziger Verbündeter ist die Natur, die neben dem Erzähler die zweite Hauptrolle in dieser Geschichte spielt. Je grausamer B. die Wirklichkeit erlebt, desto mehr Trost spendet ihm das Meer. In den Naturbeschreibungen zeigt sich die überbordende Fantasie und Fabulierkunst des Autors am deutlichsten. Es geht aber auch um das Vergessen, Erinnern und Rekapitulieren. Seine „Lebensbeichte“ ergänzt B. durch Tagebucheintragungen seiner Mutter und Briefinhalte. Er lässt die Vergangenheit im wahrsten Sinne des Wortes lebendig werden, denn manchmal hat er Halluzinationen und begegnet auf dem Weg von seinem Hotel zum Therapeuten Gespenstern der Vergangenheit.

Der Roman hat einige Längen, zum Beispiel die Schilderung des alljährlichen Weihnachtsfests oder seine Erlebnisse auf hoher See. Die außergewönliche Lebensgeschichte ist jedoch mit viel sprachlicher Finesse und schonungsloser Offenheit geschrieben, dass sich die Lektüre der knapp 1000 Seiten lohnt.

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2017-11-15
Santander

Intrigante Hoteldynastie

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Geschichten, die in Luxushotels spielen, haben einen ganz besonderen Reiz. Vielleicht liegt es daran, dass verschiedene Welten aufeinander prallen und Konflikte vorprogrammiert sind: Die Hoteldirektion, die sich ständig neue Strategien überlegen muss, um den Betrieb am Laufen zu halten, das Personal, das sich ihren Vorstellungen beugen muss und die illustren Gäste, die möglichst nichts von alldem mitkriegen sollten, was sich hinter den Kulissen abspielt.

Nicht anders ist es in der spanischen Netflix-Serie „Grand Hotel“, die im Jahr 1905 im Norden Spaniens spielt. Allerdings kommt hier noch eine kriminalistische Komponente hinzu: Die Handlung kommt nämlich erst ins Rollen, als das Zimmermädchen Christina auf mysteriöse Weise verschwindet. Ihr besorgter Bruder Julio Olmedo reist an und lässt sich als Kellner einstellen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Als eine Frauenleiche entdeckt wird, ruft das den Kommissar Ayala und seinen Assistenten auf den Plan. In der Zwischenzeit spinnt die Familie Alarcón Intrigen was das Zeug hält.

Erstaunlich ist das rasante Erzähltempo dieser Serie. Man könnte meinen, die Figuren wollen sich gegenseitig darin übertreffen, wer in größeren Schwierigkeiten steckt. Das lässt auch den abgebrühtesten Zuschauer nicht kalt und verzeiht manch vorhersehbare Szene oder soapartige Dialoge. Die Ermittlungen von Ayala und Hernando haben etwas herrlich Altmodisches und erinnern mal an Sherlock Holmes und Watson, mal an Agatha Christie Filme. Es gibt noch weitere literarische Anspielungen, zum Beispiel auf Madame Bovary.

Die Serie wäre nur halb so sehenswert, wären da nicht die opulenten Bilder. Gedreht wurde im Palazzo de la Magdalena, einer Sommerresidenz in Santander, die 1908 für die königliche Familie gebaut wurde. Die glanzvoll dekorierten Säle, die lauschigen Plätze im weitläufigen Garten und das Gebäck, das ständig gereicht wird, machen schon Lust, sich selbst einmal in dem Hotel verwöhnen zu lassen. Auch das Schauspieler-Ensemble überzeugt – besonders Adriana Ozores in der Rolle der knallharten Matriarchin Doña Teresa Alarcón, die nie um den heißen Brei redet und durch die beharrlichen Nachforschungen ihrer Tochter Alicia und Julio zunehmend in Bedrängnis gerät.

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2017-11-12
Düsseldorf

Memoiren einer Gesellschaftslöwin

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„Ein Tag mit Kunst ist ein guter Tag.“ Mit diesem Satz hat mich Gabriele Henkel geködert. Sonst hätten die Memoiren der Ehefrau von Konrad Henkel mit dem Titel „Die Zeit ist ein Augenblick“ vermutlich nicht mein Interesse geweckt. Dieser Satz umschreibt sehr treffend ihr Leben, das sie mit großer Hingabe der Kunst widmete.

Es ist bezeichnend, dass die Autorin nicht chronologisch vorgeht, sondern mit dem Kapitel „Das Glück der Liebe“ beginnt. Damit macht sie gleich deutlich, dass es sich um keine Lebensgeschichte, sondern um Reminiszenzen handelt, die sich vor allem um die Liebe zu ihrem Mann, zu der Kunst und ihren zahlreichen Freunden drehen. Diese Momentaufnahmen geben Einblick in ihren illustren Lebensweg von der Tochter eines Chefarztes über die Unternehmensgattin zur Kunstmäzenin und Professorin für Kommunikationsdesign.

Wenn sie erzählt, wie sie mit 16 Jahren nach London zog, sich dort verliebte und den Journalismus für sich entdeckte, fühlt man sich ihr fast nahe. Doch wenige Seiten später erinnert sie sich an hundert rote Rosen, die ihr der Regisseur William Wyler aufs Hotelzimmer schickte, und an eine Segeltour mit Fiatchef Gianni Agnelli, und man taucht in eine völlig fremde Welt ein.

Schon als junge Journalistin hat sie es mit hochrangiger Prominenz zu tun. Nach der Heirat mit Konrad Henkel, der nach dem Tod seines Bruders die Leitung des Konzerns übernimmt, weitet sich der Kreis weiter rapide aus. Manchmal hatte ich das Gefühl, in einem Who’s Who Kompendium zu blättern und fühlte mich erschlagen von den vielen Namen. Bemerkenswert ist jedoch, dass Gabriele Henkel offensichtlich nicht viel von oberflächlichen Bekanntschaften hielt. Aus jedem Satz spricht ihre Zuneigung und Bewunderung für ihre Freunde und deren Arbeiten heraus. Wenn sie regelmäßig Salonabende organisierte und mit fantasievollen Dekorationen und Kunstinstallationen für Furore sorgte, war dies ihre Art der Wertschätzung und Würdigung der Gäste.

Gabriele Henkel baute die umfangreiche Kunstsammlung des Henkel-Konzerns auf. Dabei konnte ich so manch Interessantes über meine Heimatstadt Düsseldorf als Mittelpunkt der avantgardistischen deutschen Kunstszene erfahren. Mir imponiert, wie Gabriele Henkel sich immer wieder neuen Aufgaben stellte und zum Beispiel als Professorin Seminare und Studienreisen organisierte. Immer wieder fragte ich mich: „Wo nimmt die Frau nur ihre Energie her?“ So allmählich verstand ich ihren Antrieb: Nachdem sie als Kind die Kriegszeit und später viele tragische Krankheits- und Todesfälle miterleben musste, wollte sie wohl so lange es geht ihren Leidenschaften nachgehen und so viele schöne Augenblicke wie nur möglich sammeln. Am 28. September ist Gabriele Henkel mit 85 Jahren gestorben.

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2017-11-09
Urfeld

"Ich will mir selbst gehören"

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Margret Greiner versteht es einfach ein Frauenleben fesselnd zu zeichnen. Nach „Charlotte Salomon“ und „Emilie Flöge“ ist „Charlotte Berend-Corinth und Lovis Corinth“ die dritte Romanbiografie, die ich von ihr gelesen habe. Charlotte Berend ist die erste Schülerin von Corinth, der 1901 seine erste „Malschule für Weiber“ gründete und sich damals noch mit Unterricht finanziell über Wasser hielt. Ohne Sentimentalitäten beschreibt die Autorin, wie sich die beiden bei ihrem ersten gemeinsamen Urlaub an der Ostsee näher kommen und den besonderen Augenblick, in dem sich Charlotte in den zwanzig Jahre älteren Mann verliebt und sich mit Haut und Haaren für ihn entscheidet.

Es beginnt ein aufregendes und abwechslungsreiches Leben, in dem Charlotte in die höhere Gesellschaft eingeführt wird, Atelierfeste erlebt und ihre große Liebe heiratet. Margret Greiner hebt immer wieder hervor, welche Stütze sie für den Künstler war, der von Depressionen gepeinigt wurde. Sie baut ihm sogar ein Haus in Urfeld am Walchensee, damit er sich künstlerisch verwirklichen kann und stellt ihre künstlerischen Ambitionen zurück. Zu ihren Stärken zählt aber nicht nur ihr Durchhaltevermögen, sondern auch ihr Antrieb, Neues zu entdecken und zu erfahren. Sie taucht in das Berliner Nachtleben ein, erlebt die lesbische Liebe, was wiederum ihre Kunst beflügelt. Und wieviel Reisen diese Frau unternommen hat! An die Riviera, nach Rom, St. Moritz, Andalusien, Ägypten ... Auch nach dem Tod ihres Mannes gibt es keinen Stillstand. Sie lebt zehn Jahre in Italien und emigriert in die USA.

Diese spannende und hervorragend recherchierte Lebensgeschichte beschreibt eine komplexe Persönlichkeit, die aus tiefer Liebe ihren Mann unterstützt und sich dennoch bis zum Schluss selbst treu blieb. Schade, dass so wenige Werke von der Malerin erhalten geblieben sind.

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2017-11-07
München

Eine Schreibreise zu sich selbst

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Rewrite your life“ fordert uns Tatijana Milovic in ihrem Buch mit gleichnamigem Titel auf. Das klingt fast so, als könnten wir einfach unser Leben umschreiben, eine Art Wunschbiografie entwerfen. Unser Leben können wir vielleicht nicht so schnell ändern, doch unsere Sicht auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wie das geht, erklärt sie anhand von vier Rewriting-Prinzipien. Danach gilt es, unsere Glaubenssätze aufzuspüren, unsere authentische Stimme zu finden, Erlebnisse in einen neuen Zusammenhang zu setzen und loszulassen.

Am Anfang war mir noch nicht klar, in welche Richtung mich der Ratgeber führt. Geht es um autobiografisches Schreiben oder darum, mein Leben zu reflektieren und mich neu zu orientieren? Allmählich verstand ich, wie beides ineinander greift. Was mir besonders gefiel, waren die vielen Erzählformen, die sie vorstellt – immer unter dem Aspekt, sich dabei schreibend selbst zu erforschen. In Märchen könnte man sich zum Beispiel überlegen, welche Aufgaben der Held meistern und welche Wandlungen er durchmachen wird. Wenn mich ein Erlebnis stark aufgewühlt hat, wäre eher die Form des Dramas geeignet, um eine Geschichte daraus zu spinnen. Ich ertappte mich während der Lektüre dabei, wie ich an Situationen aus jüngster Vergangenheit dachte, die das Zeug zu einem Bühnenstück mit viel Pathos und fetzigen Dialogen hätten. Spätestens da war meine Fantasie und meine Schreiblust in Gang gesetzt.

Ihr schöner und flüssiger Stil tut sein übriges, um ihre Texte nicht nur zu genießen, sondern selbst zur Feder zu greifen. Mir gefällt auch ihr Bild der Schreiblokomotive, denn ich fühlte mich tatsächlich so, als würde ich durch verschiedene Erzählformen reisen und dabei Möglichkeiten entdecken, verschiedene Stimmen in mir zu aktivieren. Das Buch enthält nicht nur viele inspirierende Gedanken und Schreibübungen, sondern ist auch optisch sehr ansprechend aufgemacht. Nach der Lektüre fühlte ich mich beschwingt und beflügelt, mich schreibend in neue Gefilde zu wagen.

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2017-11-04
London

Von der Vergangenheit eingeholt

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Vincent, Ich-Erzähler des Romans „This is not a love song“ von Jean-Philippe Blondel schwant nichts Gutes, als seine Frau Susan sich eine kleine Auszeit wünscht. Eine Woche ganz für sich, während ihre Eltern auf die Kinder aufpassen. Noch weniger begeistert ihn ihr Vorschlag, in der Zeit seine Familie in Frankreich zu besuchen. Doch allmählich freundet er sich mit der Idee an, zumal es seinem Ego gut tun würde, in seiner Heimat mit seiner Laufbahn zum erfolgreichen Unternehmer und glücklichen Familienvater zu prahlen.

Gleich am Anfang werden die unterschiedlichen Elternpaare von Susan und Vincent vorgestellt, und man ahnt, dass Familie und Herkunft eine zentrale Rolle spielen werden. Im Gegensatz zu den bisherigen Kurzbesuchen wird Vincent diesmal eine ganze Woche Zeit haben, die Diskrepanz zwischen seiner Jugend in der französischen Provinz und dem derzeitigen erfüllten Leben in London zu spüren. Schon damit baut der Autor eine Spannung auf, denn man hat bereits eine leise Vorahnung, dass Vincent nach dieser Woche nicht mehr der Gleiche sein wird.

Ich konnte mich auf vielen Ebenen erstaunlich gut mit der Hauptfigur identifizieren. Mir ist zwar meine Geburtsstadt, die ich mit 19 Jahren verließ, nicht verhasst wie Vincent seine, doch das euphorische Gefühl, in einer anderen Großstadt, wo einen niemand kennt, völlig neu anzufangen, konnte ich gut nachvollziehen. Obwohl der Erzähler keinen Hehl daraus macht, wie arrogant und selbstgefällig er geworden ist und auf den Lebensstil anderer herabsieht, war er mir sympathisch; wahrscheinlich gerade weil er so ehrlich und schonungslos seinen Charakter offenlegt. Durch eingestreute Rückblenden, die schildern, wie er zum Schulversager und Außenseiter wurde und mit seinem besten Freund Étienne kurz vor dem Absturz stand, versteht man langsam, warum er so wurde, wie er heute ist.

Blondels Stärke besteht darin, mit wenigen Worten viel auszusagen, zum Beispiel über die enge und doch ambivalente Freundschaft zwischen Vincent und Étienne. Überraschend war nicht nur die Wende in der Geschichte, sondern auch das Verhalten manch einer Figur, die so viel Größe zeigte, dass sie mir Tränen in die Augen trieb. Dieser feine, elegant geschriebene Roman, der um Themen wie Freundschaft, Familie, Zusammenhalt und Schuldgefühle kreist, hat mich schlichtweg umgehauen.

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2017-11-01
Memphis

Reise durch die Rockgeschichte

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Wer hätte nicht gern eine Million Dollar, um ein sorgloses Leben als Rockgitarrist zu führen. Das denkt sich auch Thomas Dupré, Hauptfigur des Romans „Vintage“ von Grégoire Hervier. Als Musikjournalist und Verkäufer in einem Pariser Gitarren-Laden hält er sich finanziell über Wasser. Kein Wunder, dass er das Angebot eines Kunden nicht ausschlagen kann: Er soll für ihn den Beweis liefern, dass die sagenumwobene E-Gitarre Gibson Moderne existiert hat.

Von diesem Auftrag ahnt er noch nichts, als er den mysteriösen Käufer Lord Charles Winsley in den schottischen Highland aufsucht. Dieser hat gerade die seltene, wertvolle Gitarre Les Paul Goldtop erworben – unter der Bedingung, dass man sie ihm persönlich überbringt. So landet Thomas im Boleskine House in Loch Ness, einem Landhaus, das einst dem Led Zeppelin-Gitarristen Jimmy Page gehörte, und in dem er nun vom Lord empfangen wird. Dieser zeigt ihm stolz seine umfangreiche Sammlung von Kultgitarren. Seine Freude ist jedoch getrübt, denn angeblich ist ihm das wertvollste Stück durch einen Diebstahl abhanden gekommen: ein Original der Gibson Moderne. Damit die Versicherung einen Schadenersatz zahlt, bittet er Thomas für einen Finderlohn von 1 Million Dollar den Beweis für die Existenz zu erbringen.

Und so beginnt für Thomas ein Road-Trip, der über viele legendäre und prestigeträchtige Stationen in Memphis und Australien führt und sich als gefährlicher herausstellt als erwartet. Ging das 1957 entworfene E-Gitarren-Modell tatsächlich in Produktion oder gab es womöglich nur einen Prototypen? Der Autor lässt in dieser wendungsreichen Story viel Wissen über die Geschichte des Blues und Rock’n’Rolls einfließen. Stellenweise wurde ich von der Begeisterung und Leidenschaft der Figuren regelrecht angesteckt, dann wieder ließ meine Aufmerksamkeit vor lauter Fachsimpelei etwas nach. Doch die sympathische Hauptfigur und ihre spannende Jagd auf die Gitarre hält auch Musiklaien bis zum Schluss bei der Stange.

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